Mose, der das Meer teilt und das Volk Israel, das dem Sonnenaufgang entgegen in die Freiheit zieht – diese altbekannte Erzählung ist ein Sinnbild für Befreiung geworden. Beinahe wäre es sogar auf dem US-amerikanischen Siegel gelandet. 1776 schlug Benjamin Franklin dieses Motiv mit dem Satz „Rebellion to Tyrants is Obedience to God“ vor – am Ende entschied man sich jedoch für eine Pyramide als Symbol der Beständigkeit.
So bekannt die Erzählung in Exodus 14 auch ist, so überraschend sind doch auch die Leerstellen in ihr:
- Der eigentliche Durchzug durch das Schilfmeer wird nicht erzählt. Israel zieht „in das Meer“.
- Warum ist es Gott wichtig, dass „die Ägypter erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich am Pharao, an seinen Streitwagen und Reitern meine Herrlichkeit erweise“? Geht es in dieser Geschichte vielleicht gar nicht um Israel?
- Schon in der jüdischen Tradition wurde gesehen, dass die Befreiung Israels auf Kosten ägyptischen Lebens geht. Im Talmud wird erzählt, dass die Engel im Himmel nach der Rettung Israels am Schilfmeer ein Loblied anstimmen wollten, worauf ihnen Gott dies verboten haben soll: „Mein Händewerk [die Ägypter] ertrinkt im Meer, und ihr wollt mir ein Loblied anstimmen!?“ Die Rabbiner erklären, dass Gott zwar die Ägypter getötet hat, sich aber deshalb über die Rettung der Israeliten nicht freut, da er selbst einen hohen Preis dafür gezahlt hat. Tja, die Erzählung in Exodus 14 ist eben auch „Siegerliteratur“ – aus ägyptischer Perspektive würde man, wenn die Rettung am Schilfmeer denn wirklich geschehen ist, sie wohl ganz anders erzählen.
Werner Kleine und Till Magnus Steiner entdecken erneut wieder zahlreiche Leerstellen und Fragen. Sie lesen zwischen den Zeilen und erzählen diese altbekannte Geschichte der Bibel neu und anders.
Die beiden neuen Schrifterzählungen könnt Ihr hier nachlesen:
„Ägyptische Loblieder“, von Till Magnus Steiner
„Israel tanzt!“, von Werner Kleine
Diese Folge haben wir live vor Publikum am 23.10.2026 im Eiscafé Giannone in Wuppertal aufgenommen. Herzlichen Dank allen, die gekommen sind, um die Geschichte des Durchzugs durch das Schilfmeer neuerzählt zu hören. Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle nochmals an das Eiscafé Giannone in Wuppertal für die Gastfreundschaft und auch an Sofia Zulfikar für die musikalische Begleitung sowie an Christoph Schönbach der die Veranstaltung aufgezeichnet hat.
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In der nächsten Folge geht es dann um die Heilung eines Gelähmten durch Jesus (Mk 2,1-12).
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Weiterführende Links:
- Werner erwähnt in seine Erzählung die Stele des Merenptah. Sie enthält den bisher bekannten ältesten Hinweis auf die Existenz Israels. Weitere Informationen enthält der Wikipedia-Artikel „Merenptah-Stele“.
- Unser Buch mit ausgewählten Neu- und Anders-Erzählungen ist vor Kurzem erschienen: Till Magnus Steiner / Werner Kleine, „Die Schrifterzähler. Biblische Geschichten neu und anders erzählt“, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2026, 304 Seiten, 22 €. Ihr könnt es direkt beim Katholischen Bibelwerk bestellen oder im Buchhandel Eures Vertrauen kaufen.
- Wenn Ihr selbst Lust am Neuerzählen biblischer Geschichten habt, freuen wir uns sehr, wenn Ihr uns Eure Geschichten an info@die-schrifterzaehler.de schickt. Auf unserer Homepage findet Ihr unter der Rubrik „Hörergeschichten“ auch schon einige Neuerzählungen, die uns zugeschickt wurden.